Die Sonne verschwand gerade hinter dem Horizont und tauchte die Welt in
einen goldenen Glanz, als man auf einem Feldweg leise Schritte vernehmen
konnte. Außer der Person die diese Geräusche verursachte war nirgends eine
Menschenseele zu sehen. Die Person war ganz allein nur sie, der Weg, die Felder
und zirpende Grillen die rings um sie auf den Fennen saßen. Die Person war ein
Mädchen von 15 Jahren, sie war sehr hübsch, hatte lange, blonde Haare, einen
Körper um den sie manche beneidete denn sie war weder Mager noch dick. Sie war
einfach genau richtig.
Aber das wohl auffälligste an ihr waren ihre Augen, denn diese waren
von so dunkler Färbung, dass man den Übergang zwischen Iris und Pupille kaum
erkennen konnte was dafür sorgte das man wenn man in ihre Augen sah, sich
sofort darin verlor.
Das Mädchen war fröhlich, summte leise vor sich hin: „An Tagen wie
diesen...“, und ging federnden Schrittes den gepflasterten Feldweg entlang
nach Hause.
Sie war bei ihrem Freund gewesen mit dem sie erst seit wenigen Wochen
eine feste Beziehung führte, und war einfach glücklich über ihre derzeitige
Situation mit ihm.
Am Horizont sah sie langsam die Reetdächer ihres Heimatdorfes
aufsteigen welche auch in das Goldene Licht der untergehenden Sonne getaucht
waren und fragte sich was ihre Mutter wohl zu Abend machen würde.
Sie lebte auf einem kleinen Bauernhof, was bedeutete, dass es ihnen
einigermaßen gut ging, und dass ihre Mutter täglich eine warme Mahlzeit auf den
Tisch bringen konnte, im Gegensatz zu den anderen Familien im Dorf, welche
keinen Hof hatten.
Denn Ihr Land stand zurzeit im Krieg und das bedeutete, dass die
Verpflegung knapp war aber ihr ging es gut.
Als sie an den ersten Gärten des Dorfes vorbei kam grüßte sie
freundlich nach links und rechts auch wenn sie nur von den wenigsten eine
Antwort bekam, denn die meisten waren durch die derzeitige Situation einfach
nicht zum freundlichen Grüßen aufgelegt.
Als sie zuhause ankam, wartete ihre Mutter schon auf sie.
„Wo hast du so lange gesteckt? Wir warten schon seit 20 Minuten mit dem
Essen auf dich!“, fragte diese. „Entschuldige Mutter, Jan und ich mussten noch
etwas für die Schule tun.“ „Jaja als ob. Naja egal, komm schon dass wir endlich
essen können.“.
Es gab Eintopf. Nichts Besonderes aber immerhin eine warme Mahlzeit im
Magen. Am Tisch herrschte gedrückte Stimmung, denn wie man in der Zeitung
erfahren hatte, waren bei einem Bombenanschlag auf ein Lazarett eine Menge
Soldaten ums Leben gekommen und auch ein paar der Dorfbewohner waren unter den
Gefallenen gewesen.
„Morgen gehe ich wieder zu Jan, wir müssen Mathe noch einmal
wiederholen. Nächste Woche sind ja Prüfungen.“, meinte das Mädchen zu ihrem
Vater. „Tu das, wer weiß wie lange du ihn noch hast.“, erwiderte ihr Vater.
„Franz!“, sagte die Mutter empört und schaute ihren Gatten ernst an, „Sag doch
so etwas nicht! Er wird bestimmt nicht eingezogen. Dazu ist er viel zu
Intelligent die müssen doch die Elite erhalten. Und außerdem ist er viel zu
jung für die Armee!“. „Ach als ob das noch was zählt.“, sagte der Vater des
Mädchens zu seiner Frau, „Wir sind im Krieg Molly! IM KRIEG! Da ist es den
Herrschern doch egal wie alt die Knaben sind Hauptsache sie können ein Gewehr
halten und den Abzug betätigen.“.
Das Mädchen, es hieß übrigens Viktoria, stand vom Tisch auf und sagte:
„Hört Auf! Das ist doch alles nicht wahr er wird garantiert nicht eingezogen!“
und ging auf ihr Zimmer.
Dort beruhigte sie sich wieder, indem sie sich an ihr Klavier setzte
und einfach zu spielen begann. Das tat sie immer, denn es half ihr sich ab zu
lenken.
Als die Kerzen langsam Kurz wurden löschte sie sie und ging ins Bett.
Am nächsten Morgen wurde sie durch den Gesang der Vögel vor ihrem
Fenster geweckt und stieg schon mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Bett.
Sie ging zum Fenster und schaute auf die Felder ringsum.
Es war ein wunderschöner Morgen. Die Sonne schien, es war angenehm warm
und keine Wolke war am Himmel. Sie zog sich ihre Kleider an, und begab sich in
die Küche um zu Frühstücken.
„Guten Morgen“ sagte sie als sie strahlend in die Küche kam. Dort war
aber nur ihre Mutter denn der Vater war, wie täglich, schon in den Ställen um
das Vieh zu versorgen.
„Morgen, Viki.“, antwortete diese fröhlich, „Hast du geschlafen?“
„Wunderbar Mutter. Ist Marie schon auf?“, fragte Viktoria. „Nein die schläft
noch. Wieso?“ „Ich wollte sie nur fragen ob sie mir ihr Fahrrad borgen kann,
denn zu Fuß dauert es immer so lange bis zu Jan.“, erklärte Viktoria ihrer
Mutter während sie sich ein Brot mit Butter beschmierte und eine Scheibe
Schinken darauf legte. „Du kannst meines Benutzen, ich brauche es ja eh nur
selten aber dann musst du auch rechtzeitig zum Essen sein!“ „Ja Mutter!“.
Viktoria gab der Mutter einen Kuss auf die Wange, nahm sich ihr Brot
und ging hinaus um das Fahrrad aus dem Schuppen zu holen.
Ihr Vater war auch gerade im Schuppen um eine Schubkarre aus zu Beulen.
Sie holte das Rad, und verabschiedete sich von ihrem Vater. „bis heute
Abend,“, sagte dieser, „und bitte sei pünktlich! Mutter will heute etwas ganz
besonderes Kochen und tu ihr bitte den gefallen das wir alle zusammen essen
können ja?“ „Ja Vater ich komme rechtzeitig.“ antwortete sie lächelnd, stieg
auf das Rad und fuhr los.
Sie fuhr den Selben weg den sie gestern gegangen war um nach Haus zu
kommen und er war genauso verlassen wie am Vortag. Nur das um diese Tageszeit
keine Grillen zirpten sondern die Vögel ringsum im Chor die schönsten Lieder
von sich gaben.
Es war die Zeit um Ostern, und überall auf den Feldern waren kleine
Lämmer zu sehen die erst einige Tage alt waren.
Bei diesem friedlichen Anblick konnte sie es sich kaum vorzustellen,
dass an den Grenzen des Landes jede Minute Soldaten starben und das dieser
Friede wohl nur auf dem Land so zu finden war und sie fragte sich wie lange das
wohl noch so bleiben würde.
Doch diese Gedanken verjagte sie ganz schnell wieder aus ihrem Kopf und
freute sich schon darauf den Tag mit Jan zu verbringen, denn sie hatte noch nie
einen Freund gehabt, der so wundervoll und Romantisch war wie dieser. Er hatte
sogar schon extra Lieder für sie Komponiert, denn er spielte nicht nur
hervorragend Klavier, sondern konnte auch tolle Texte und Melodien erfinden.
Sie kam in dem Dorf wo Jan wohnte an, und hielt vor seinem Haus.
Er wohnte nicht auf einem Hof aber klein war das Haus seiner Eltern
auch nicht denn diese waren auch nicht ohne Wohlstand auch wenn ihnen dieser
nicht viel brachte jetzt im Krieg.
Sie ging die lange Auffahrt zum Haus entlang, und der Kies knirschte
unter ihren Sohlen.
Sie ging zum großen Eingangsportal, und klopfte drei Mal mit dem großen
Türklopfer in der Form eines Löwenkopfes.
Niemand öffnete.
Sie klopfte erneut.
Immer noch keine Regung im Haus.
Sie ging ums Haus herum, und schaute durch die großen Fenster an der Rückseite
des Hauses: „Komisch,“, sagte sie zu sich selbst, „wir hatten doch ausgemacht
das wir heute noch einmal lernen. Hat er es vielleicht vergessen?“. Dann sah
sie in das Küchenfenster.
Die Küche war geräumig und eigentlich immer aufgeräumt aber heute war
das anders.
Töpfe standen ungewaschenen in der Spüle, der Tisch war nicht gewischt,
und an dem Tisch saß Jans Mutter. Wobei sie lag mehr auf dem Tisch so als würde
sie schlafen doch ihr Körper zuckte hin und wieder und schüttelte sich leicht.
Viktoria klopfte ans Fenster und fragte sich was wohl los war, denn
normal sah das nicht aus.
Jans Mutter schreckte hoch und sah Viktoria. Sie kam zur Terrassentür
und öffnete diese.
Viktoria erschrak und zuckte innerlich zusammen als sie Jans Mutter aus
der Nähe sah.
Ein riesiger Bluterguss war auf der rechten Seite ihres Gesichtes zu
sehen, und ihre Augen waren verquollen so als hätte sie Stundenlang geweint.
„Ist alles in Ordnung? Was ist denn passiert?“, fragte Viktoria völlig
verwirrt da sie überhaupt nicht verstand was da vor sich ging. Jans Mutter
brach zusammen und fing wieder an zu weinen. Viktoria machte zwei Schritte auf
sie zu, half ihr auf und brachte sie wieder in die Küche. Dort setzte sie sie
auf einen Stuhl und holte ihr erst einmal ein Glas Wasser. Dann setzte sie sich
neben sie, hielt ihre Hand und wartete darauf, dass sich die Mutter ihres
Freundes wieder beruhigte.
Als diese langsam aufhörte zu weinen und zu schluchzen, fragte
Viktoria: „Was ist denn passiert? Und wo ist Jan eigentlich? War er nicht hier
um dir zu helfen?“, da fing Jans Mutter wieder an zu weinen.
Viktoria bekam ein ganz komisches Gefühl und wollte nun endlich wissen
was passiert war.
„Sie... sie...“, fing Jans Mutter an zu schluchzen, „sie haben ihn...
mitgenommen!“. „Was? Ich verstehe nicht.“, Viktoria war verwirrt was war
passiert?
Unter Tränen begann Jans Mutter zu erzählen.
„Gestern Abend, kurz nachdem du gegangen warst, klopfte es an der Tür.
Ich dachte erst du seist zurückgekommen weil du etwas vergessen hättest also
öffnete ich die Tür. Aber dort standen zwei Männer in Uniform und fragten ob
Jan hier wohnen würde. Ich sagte ihnen, dass er hier wohne und fragte warum sie
dies wissen wollen. Sie meinten, dass er 16 Jahre alt sei, und deswegen,...
deswegen...“ Jans Mutter fing an zu weinen und brauchte einige Minuten um sich
zu erholen doch Viktoria konnte sich schon denken was passiert war und konnte
es nicht glauben. Nein das konnte nicht geschehen sein.
Ohne weitere Worte stand sie auf, und rannte nach oben.
Sie riss Jans Zimmertür auf. „JAN?“, rief sie, „JAAAN! BIST DU HIER?“.
Keine Antwort.
„JAN! HALLO?“.
Immer noch kein Lebenszeichen.
Viktoria brach zusammen auch sie fing an zu weinen. Das konnte nicht
sein. Sie konnten ihn nicht zum Wehrdienst eingezogen haben. Nein dass wollte
sie einfach nicht glauben.
Fast 10 Minuten lag sie in seinem Zimmer und weinte bitterlich. Da kam
Jans Mutter in das Zimmer und half ihr auf. Sie umarmte das Mädchen und nun
weinten beide.
Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, setzten sie sich auf
Jans Bett und Viktoria fragte: „Woher hast du denn eigentlich den riesigen
Bluterguss? Haben dir die Soldaten etwas angetan?“ „Nein obwohl man das meinen
könnte, aber das war einfach ein blöder Unfall, Ich bin im Bad ausgerutscht und
habe mir den Kopf gestoßen.“, doch Viktoria glaubte ihr nicht zurecht und
vermutete, dass die Soldaten ihr gedroht hatten, dass sie kein Wort darüber
verlieren solle, wenn sie ihren Sohn wieder haben wolle.
„Wohin wurde er denn geschickt?“, fragte Viktoria Jans Mutter.
Schniefend antwortete diese: „Das sagten sie mir nicht, für Informationen muss
man erst in die Stadt aber ich habe kein Auto und zu Fuß dauert der Weg fast
drei Tage.“
Viktoria konnte noch keinen klaren Gedanken fassen, zu viel war in der
letzten halben Stunde geschehen. Sie nahm eins von Jans Kissen und fragte seine
Mutter: „Darf ich das mitnehmen? Ich denke das verschafft mir etwas Trost.“.
Nach kurzem Zögern sagte sie: „Ja mach das ruhig ich weiß ja genau wie du dich
jetzt fühlen musst. Warte kurz.“, Jans Mutter stand auf und wühlte kurz in
einem der Schränke. Sie holte einen Beutel hervor, „Hier, damit du es auf dem
Fahrrad besser mitnehmen kannst.“ „Danke“ antwortete sie, doch es kam nur ein
krächzen aus ihrem Hals, denn ihr Mund war total ausgetrocknet.
Mit einer weiteren Umarmung verabschiedete sie sich von der Mutter
ihres Freundes, und machte sich auf den Heimweg.
Die Landschaft war immer noch genau so schön wie vor 2 Stunden aber
davon bemerkte Viktoria nichts. Alles um sie herum wirkte grau, und auch die
Vögel hörte sie nicht. Selbst als auf einmal ein Auto haarscharf an ihr vorbei
fuhr und laut hupte realisierte sie nicht mehr als ein dumpfes Geräusch in
weiter Ferne.
Als sie zu Hause angekommen war, hatte sie das Gefühl das ein ganzer
Monat vergangen sei. Sie machte sich nicht die Mühe das Rad in den Schuppen zu
stellen und ging ins Haus.
Am Küchentisch saß ihre Mutter und schaute sie verwundert an.
„Was machst du denn schon so früh hier?“. Ohne Kommentar ging Viktoria
an ihrer Mutter vorbei, und ignorierte jeden Nachruf ihrer Mutter.
Sie nahm das Kissen von Jan, legte sich ins Bett und schlief sofort
ein.
FORTSETZUNG FOLGT....
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